Symptome und Auswirkungen von Lampenfieber

Was passiert bei Lampenfieber und Sprechangst? Warum zittern Ihnen die Knie, schwitzen Ihre Hände und weshalb haben Sie das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben? In dieser dreiteiligen Beitragsreihe beleuchten wir die Hintergründe des Lampenfiebers. Teil 2 beschäftigt sich mit den Symptomen und Auswirkungen und gibt Tipps für erfolgreiche Vorträge.

Lampenfieber verschlechtert die rhetorische Wirkung von Rede und Gespräch

Lampenfieber und Sprechangst sind in den häufigsten Fällen nicht durch eine Angst vor dem eigentlichen Reden gekennzeichnet, sondern vielmehr durch eine Angst vor den kritischen Zuhörern. Insbesondere haben Sprechängstliche oftmals eine deutlich ausgeprägte Angst vor der Beurteilung und der Kritik von anderen, Angst vor Fehlern und Fehlschlägen, sie spüren ein Gefühl der Isolation und der Fremdheit des Publikums. In diesem Zusammenhang spüren Redner häufig eine körperliche und seelische Anspannung.

Gleichwohl ist eine erhöhte Anspannung für die rhetorische Gesamtwirkung eines Redners sehr positiv und für erfolgreiche Vorträge in jedem Falle notwendig. Der Sprecher ist einerseits körperlich aktiviert, aufgerichtet und es wird der Eindruck von unangemessener Lässigkeit vermieden. Ebenso bewirkt diese Aktivierung eine Steigerung der Konzentrationsfähigkeit und eine Verbesserung der Sprech-Denk-Prozesse.

Doch andererseits können auch fehlangepasste Reaktionen und überhöhte Anspannungen auftreten, die sich negativ auf die rhetorische Wirkung des Redners auswirken.

Die Symptome treten auf allen Ebenen auf

Die Auswirkungen des Lampenfiebers können in nahezu allen Bereichen auftreten, oftmals auch kombiniert und wechselseitig verstärkt. Vielleicht kommt Ihnen folgende Auflistung einer Auswahl von Symptomen bekannt vor?

Kognitiv-emotionaler Bereich

  • Vorherrschen starker Angstgefühle und einer allgemeinen Verunsicherung (“Kann ich das überhaupt?” / “Ich habe alles vergessen”)
  • Vermeidungsverhalten und Fluchttendenzen (“Mir geht es nicht gut” / “Das bringt doch nichts” / “Ich gehe nicht hin”)
  • Negative Selbsteinschätzung (“Ich schaffe das nicht” / “Ich bin nicht gut vorbereitet” / “Ich bin kein Experte” / “Die anderen wissen mehr als ich”)
  • Übertriebener Perfektionsdrang (“Ich muss das perfekt schaffen” / “Die anderen merken den kleinsten Fehler” / “Es darf nichts schief gehen”)

Physiologischer Bereich

  • Aktivierung des sympathischen Nervensystems, insbesondere nervus vagus
  • Ausschüttung von ACTH-Hormonen der Hypophyse in die Blutbahn
  • Freisetzung der Stresshormone Noradrenalin und Adrenalin
  • Erhöhung der Herz- und Pulsfrequenz sowie des Blutdrucks
  • Zunahme des Blutzuckerspiegels
  • Allgemein höhere Aktivierung des Muskeltonus
  • Vermehrte Schweißabsonderungen, insbesondere im Bereich der Achseln, Hände, Nase und Stirn
  • Austrocknung der Schleimhäute der Stimmlippen (dadurch vermehrtes Räuspern und Husten, der “Kloß” im Hals)
  • Reduktion des Speichelflusses (Gefühl eines trockenen Mundes, Zunahme von Schmatz- und Schnalzlauten)
  • Überspannung der Phonationsmuskulatur (Stimmlippen werden zu stark aufeinander gepresst, die Stimme klingt nach einiger Zeit heiser und belegt)
  • Vermehrter Harn- und Stuhldrang
  • Erweiterung der Pupillen
  • Rötungen im Gesicht, Hals und Dekolleté-Bereich

Motorischer Bereich

  • Eingeschränkte und veränderte Gesamtmotorik
  • Ruckelnde und unkontrollierte Bewegungen der Arme
  • Starre Mimik oder übertriebenes Grimassieren
  • Fehlender oder fixierender (stechender) Blickkontakt
  • Erhöhung der allgemeinen Stimmlage und Knarrstimme
  • Zunahme von Verlegenheitslauten  und –floskeln (“also” / “ähm” / “hmm”)
  • Zittern von Händen und Knien
  • Unterbrechungen des Redeflusses
  • Eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit

All diese Symptome können einzeln oder in Kombination auftreten und sich wechselseitig zu einer Art des Teufelskreises verstärken. Der Redner nimmt beispielsweise das Zittern von Händen und Knien wahr, er spüren das Rasen seines Herzens und wird dadurch noch unsicherer.

Der prozessartige Verlauf ist typisch für die Sprechangst

Sprechangst und Lampenfieber lassen sich bei den meisten Menschen und in den häufigsten Situationen in einem prozessartigen Verlauf darstellen, in dessen Phasen verschiedene Symptome und Auswirkungen vorkommen können.

In der Antizipationsphase vor Beginn einer Redesituation kommen typischerweise kognitiv-emotionale Symptome, wie  Misserfolgsbefürchtungen, allgemeine Unsicherheiten und Fluchttendenzen vor. Die Angst vor dem Publikum und die negative Selbsteinschätzung sind am größten.

In den ersten Minuten nach Beginn des Vortrags verlagert sich der Fokus auf die eigene Selbstwahrnehmung, der Redner spürt auf physiologischer und motorischer Ebene die verschiedensten Auswirkungen und hat in der Regel wenig Spielraum, sich auf das Publikum und die Inhalte des Vortrags zu konzentrieren. Ebenso kann der starke Eindruck vorherrschen, dass die Zuhörer die Nervosität des Sprechers detailliert wahrnehmen und die eigene Unsicherheit bemerken.

In den nachfolgenden Minuten erhält der Sprecher in der Regel die Freiräume, sich zum eigentlichen Inhalt des Vortrags hinzuwenden. Das Beobachten der differenzierten Symptome rückt aus dem Fokus der Wahrnehmung heraus, die Auswirkungen der Angstsymptome reduzieren sich. Der Redner wird sicherer und kann durch Blickkontakt und Zuwendung einen “virtuellen Dialog” mit dem Publikum aufnehmen.

Die Selbstwahrnehmung des Redners und die Fremdwahrnehmung des Publikums unterscheiden sich sehr stark

Für den Umgang mit dem Lampenfieber ist es wichtig, die Unterscheidung zwischen der Selbstwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung zu verstehen. Die Selbstwahrnehmung umfasst alle Beobachtungen, die Sie an sich selbst wahrnehmen können. Hierzu gehören beispielsweise Ihre Angst vor der Redesituation, die Angst vor dem Versagen, der kalte Schweiß auf Ihren Handflächen und das Herzrasen.

Doch machen Sie sich bitte bewusst, dass Ihre Zuhörer eine ganz andere Wahrnehmung von Ihnen haben. Mit der sogenannten Fremdwahrnehmung kann Ihr Gegenüber nur das beobachtbare Verhalten wahrnehmen, das Sie präsentieren. Das Zittern der Hände und Beine, das Herzrasen und die Versagensängste werden so gut wie nie von Ihrem Publikum wahrgenommen, da die Symptome nicht nur hinsichtlich des räumlichen Abstandes zwischen Sprecher und Hörer kaum oder gar nicht beobachtbar sind. Auch nehmen die Zuhörer kleinere Störungen im Redefluss oder Abweichungen vom ausgearbeiteten „roten Faden“ kaum wahr, sofern sie nicht durch den Redner thematisiert werden.

In der Praxis kristallisiert sich heraus, dass die Selbst- und Fremdwahrnehmung völlig verschiedene Ausprägungen haben: In fast allen Fällen nimmt das Publikum nur gering oder gar nicht die vielen verschiedenen Symptome des Lampenfiebers eines Sprechers wahr. Es beurteilt einen Sprecher deutlich positiver, als dieser sich selbst einschätzen würde.

Experten-Tipp

Sie können Ihr Lampenfieber besiegen und den richtigen Umgang damit erlernen, indem Sie die Unterschiede zwischen Ihrer eigenen Wahrnehmung und den beobachteten Wahrnehmungen durch Ihre Zuhörer selbst erleben. Wir erarbeiten ein gemeinsames Training, das genau hierauf abzielt. Sie lernen, die eigenen Symptome in den Griff zu bekommen und selbstsicherer zu reden. Sprechen Sie uns an.

Teil1: Ursachen und Entstehung von Lampenfieber
Teil 2: Symptome und Auswirkungen von Lampenfieber
Teil 3: Strategien zum Abbau von Lampenfieber